Gatsby

 

Vor knapp 4 Wochen ist der samtweiche Bollerkopp bei uns eingezogen. Eigentlich wollte ich ihn bei Connie nur mal ansehen, um festzustellen, ob es mit uns beiden funktionieren könnte und ob die Chemie stimmt. Gatsby hat mich allerdings fast vorbehaltlos vom Fleck weg adoptiert, so dass ich nicht alleine nach Sachsen zurückfahren konnte.

Die Umgewöhnung von Connies Boxerparadies in den Alltag eines schwer arbeitenden Anwaltsboxers verlief reibungsloser als ich dachte: mein –jetzt: unser – Büro mochte er gleich, Treppensteigen ist kein Problem, Telefon und Türklingeln stören ihn null und Auto fahren ist sowieso eine tolle Sache. Und wenn er mal wegen eines Besprechungstermins alleine bleiben muss, ist die Freude über das Wiedersehen danach umso größer.

Allerdings ist das frühe Aufstehen nicht unbedingt sein Ding, mit ein wenig Käse und ganz vielen Streicheleinheiten lässt er sich jedoch auch zu einem Spaziergang morgens um 5:30 Uhr vor Bürobeginn überreden. Ein Wermutstropfen, den ich aber nicht ändern kann, ist, dass aufgrund unserer häuslichen Situation Gatsby zu Hause mit vielen, ständig wechselnden Menschen, auch Männern, und unterschiedlichen Gerüchen zu tun hat.

In seinem Körbchen im Wohnzimmer kann er jedoch alles aus sicherer Entfernung beobachten und sagt den Pflegern auch schon mal, dass ihm eine plötzliche Bewegung nicht passt und er keine aufdringliche Nähe wünscht. Und weil 32 Kilo Lebendgewicht bei einer Beschleunigung von gefühlt 20 km/h an der Schleppleine doch einige Wucht haben und ich ihn perspektivisch nicht immer an der Leine sondern auch frei laufen lassen möchte, habe ich diesen liebevollen Grobmotoriker und mich im Hundesportverein angemeldet, damit wir beide mit Artgenossen zu tun haben, die uns beibringen, wie wir uns noch besser aufeinander einspielen können. Wir sind beide auf einem guten Weg

Ein advendliches „Maff“ sendet Gatsby aus Sachsen, zusammen mit seinem frischgebackenen Frauchen.

 


 

Hallo Ihr Lieben!

Connie sagt, ich muss unbedingt mal von meiner ersten Woche in Hessen berichten.
Gleich am ersten Tag habe ich den Garten erkundet und nach diversen Geschäftchen für gut befunden. Hier im Haus lebt ein ganzes Rudel Menschen (naja, also 4), die habe ich alle erstmal angebellt. Besonders Männer finde ich immer noch spooky. Das Haus durfte ich ganz nach meinem Tempo erkunden und ich habe die Couch im Wohnzimmer als meinen Rückzugsort gewählt.

Die tollen Hundebettchen waren mir auch etwas unheimlich. Ich lege mich heute noch manchmal daneben. Es gab so viele Dinge vor denen ich erschrocken bin, ein flatterndes Handtuch eine Jacke über der Stuhllehne, eine Spiegelung in der Fensterscheibe, durch die Diele bin ich fast auf dem Bauch gekrochen und dort schaue ich mich immer noch um, ob nicht aus irgendeiner Ecke etwas Gefährliches kommt. Daran arbeiten wir jetzt und gehen immer mal wieder gemeinsam durch diesen Raum, bei Licht und im Dunkel. Im Zweifel flitze ich auf meine Couch.

Beim Gassi laufe ich meistens recht locker an der (10 m Schlepp-) Leine. Wenn wirklich mal etwas Zug drauf kommt, bleibe ich stehen und gucke ganz vorwurfsvoll nach hinten, wo Connie den bleibt. Dass es nach draußen geht wenn Connie mein Geschirr nimmt, habe ich schnell kapiert. Ich freue mich dann wie Bolle.
Weil es hier viele Hunde gibt, muss ich auch ganz viele Peemails lesen und beantworten. Einen Wolfspitz, einen Bordercollie, Nachbars Mix und eine ältere Bernerdame habe ich schon kennengelernt. Da ich recht zurückhaltend (nicht abweisend, ich zeige einfach kein größeres Interesse) reagiere meint Connie, dass ich Spielen mit Artgenossen möglicherweise nicht kenne.

Beim Spiel mit meinen Menschen bin ich etwas grobmotorisch, lasse mich aber recht schnell durch Wegdrehen oder Handzeichen wieder runterfahren.

Die Handzeichen für die Standardbefehle müssen wir noch ordentlich üben, aber ich komme immer zu Connie zurück, wenn sie in die Hocke geht, da muss sie halt flexibel sein und für ein „Sitz“ will ich schon Käse.

Gerade weil ich taub bin und schon so meine Erfahrungen gemacht habe, bringe ich auch jede Menge Vorteile mit. Mir braucht man nicht beizubringen, bei Türklingeln entspannt liegen zu bleiben oder das Bellen von anderen Hunden zu ignorieren! Kindergeschrei höre ich genauso wenig wie Donner, das Silvestergeknalle und den Staubsauger. Radfahrer und Jogger ignoriere ich.

Sogar beim Tierarzt waren wir schon zu Besuch und ich durfte auf die Waage steigen. Die Frau hat mir dann auch in die Ohren geschaut und mein Herz abgehört. Nach ein paar Leckerchen fand ich sie auch ganz nett.

Connie sagt, ich wäre ein super toller Bub und wenn ich erst mal bei meiner Für-Immer-Familie richtig „angekommen“ gibt es keinen besseren Begleiter als mich. Ich bin aufmerksam, verschmust, freundlich und gehe auch wenn ich noch so sehr erschrecke, immer zurück. Bin eben ein kluger Junge, der jeden Stress meidet.

Liebe Grüße aus Sinntal

Gatsby, der mit dem samtweichen Bollerköpfchen

 


06.10.18 Gatsby ist gut in Deutschland angekommen

Liebe Boxerfreunde!

Ich bin Gatsby und leider bringe ich ein Handicap mit. Für einige von euch sicher ein Ablehnungsgrund, denn ich bin taub.
Für mich selbst bedeutet es nichts, denn ich bin einfach nur ich! Ein toller Boxerjunge, der schon lange gelernt hat, damit klar zu kommen!

Ich bin auf Handsprache trainiert und das klappt hervorragend.

Da ich schon eine Weile hier bei einem spanischen Tierschutzverein auf die richtigen Menschen warte, sehne ich mich mittlerweile doch sehr nach Liebe und Zuspruch.

Wenn mein Trainer einmal täglich an meinen Zwinger kommt um mich zur Gassirunde abzuholen, springe ich vor Freude fast bis unter die Decke. Ja klar, das macht man nicht. Es heißt dann auch für mich immer, erst einmal runter kommen und beruhigen, denn sonst leint er mich nicht an. Also ihr seht, auch da bin ich souverän.

Und nur weil ich ein „Täubchen“ bin, denkt nicht, ich sei kein normaler Boxerjunge, der temperamentvoll aufblühen kann.

Es ist einfach herrlich, tolle Spaziergänge zu unternehmen. Das liebe ich am meisten. Meine Nase ist dann überall. So viele Gerüche, die mir zeigen wo ich bin und wo es lang geht. Abenteuer pur!
Wißt ihr, meine Nase und meine Augen können unheimlich viel wahrnehmen, dass ihr im ersten Moment nicht mit bekommen werdet. Ganz sicher kann ich euch noch ein wenig beibringen.

Mein größter Wunsch ist es nun, alsbald eine eigene Familie zu finden! Ich hoffe sehr, dass es mir hier über diesen Verein gelingen wird. Denn ihr habt doch ein Herz für Boxer. Hoffentlich ist das groß genug, mein Handicap wettzumachen!

Es wäre toll, wenn ihr mich als neuen Wegbegleiter in Betracht zieht.

Voller Ungeduld,

euer Gatsby (der gefühlvolle weiße Riese)